Kann man Verletzungen im Fußball verhindern?
Von Phil Hernández · Zuletzt aktualisiert: 05.09.2026
Ganz verhindern: nein. Im europäischen Spitzenfußball passieren 21,1 Verletzungen pro 1.000 Spielstunden und 3,5 pro 1.000 Trainingsstunden — Werte, die sich über sechs Saisons kaum bewegt haben (Bengtsson et al., 2025).
Beeinflussbar ist etwas anderes: wie oft es dich trifft und wie lange du weg bist. Präventionsprogramme senken das Risiko für Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur etwa auf die Hälfte — aber nur, wenn sie gemacht werden. Ab 75 % Umsetzung sinkt das Risiko auf gut ein Drittel, darunter passiert statistisch nichts (Gu et al., 2026).
Die zwei Regeln, die dir dazu jeder erzählt, halten der Prüfung nicht stand: Die 10-Prozent-Regel ist für Fußball nie getestet worden, und die Belastungskennzahl ACWR liefert dieselben Ergebnisse, wenn man sie mit erfundenen Zahlen füttert (Impellizzeri et al., 2021).
Verfügbarkeit ist dabei keine Nebensache: In der 1. Bundesliga entsprechen statistisch 4,33 zusätzlich verletzte Spieler einem Tabellenplatz (Dallmeyer et al., 2025).
Wie oft verletzt sich ein Fußballer wirklich?
Die genaueste Datenbasis dazu läuft seit über zwanzig Jahren: die UEFA Elite Club Injury Study. In der Saison 2022/23 wurden 29 Teams und 913 Spieler über 176.790 Expositionsstunden begleitet — 1.123 Verletzungen, 26.418 Ausfalltage. Die Inzidenz lag im Spiel bei 21,1 pro 1.000 Stunden, im Training bei 3,5 (Bengtsson et al., 2025).
Das Spiel ist also rund sechsmal so gefährlich wie das Training. Das ist keine Aufforderung, weniger zu spielen — es ist der Grund, warum das Training die Stelle ist, an der du überhaupt etwas verändern kannst.
Über 21 Saisons hinweg zeigt dieselbe Studie eine Verschiebung, die dich direkt betrifft: Der Anteil der Verletzungen an der hinteren Oberschenkelmuskulatur ist von 12 % auf 24 % gestiegen. 2.636 solcher Verletzungen bei 3.909 Spielern, Median 13 Tage Ausfall, und im Spiel passieren sie zehnmal so häufig wie im Training (Ekstrand et al., 2023).
Und die Gesamtentwicklung? Über 18 Jahre und fast 12.000 Verletzungen sank die Verletzungsrate um rund 3 % pro Saison — die Muskelverletzungsrate blieb dabei konstant (Ekstrand et al., 2021). Besser geworden ist die Betreuung von Bändern und Rückfällen. Beim Muskel steht der Fußball ungefähr da, wo er vor 18 Jahren stand.
Bengtsson et al. 2025, Saison 2022/23 · 29 Teams · 913 Spieler · 176.790 Expositionsstunden
Was ist Verfügbarkeit tatsächlich wert?
Eine Auswertung von 252 Team-Saisons aus der 1. und 2. Bundesliga hat das in Tabellenplätze übersetzt. In der 1. Liga entsprechen 4,33 zusätzlich verletzte Spieler einem Platz, in der 2. Liga schon 2,64. Rechnet man auf Spieltags-Nichtverfügbarkeit um, reichen 1,62 dauerhaft fehlende Spieler für einen Platz (Dallmeyer et al., 2025).
Das ist eine Beobachtung, keine Ursachenkette — Teams mit mehr Verletzungen sind auch aus anderen Gründen oft die schwächeren. Aber die Richtung ist eindeutig, und sie gilt auf jeder Ebene: Der beste Spieler auf der Tribüne bringt seiner Mannschaft null.
Für dich persönlich ist die Rechnung noch simpler. Ein Trainer entscheidet über Einsatzminuten. Wer im Herbst drei Wochen fehlt, verliert nicht drei Wochen, sondern seinen Platz in der Rangfolge — und den holt man sich in der Rückrunde nicht automatisch zurück.

Was senkt das Risiko nachweislich?
Die aktuellste Auswertung fasst 15 randomisierte Studien mit 7.465 Fußballern zusammen. Präventionsprogramme senken das Risiko für Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur auf ein Risikoverhältnis von 0,51 — grob die Hälfte. In absoluten Zahlen: 38 Verletzungen weniger pro 1.000 Spieler (Gu et al., 2026).
Der eigentliche Befund steht aber in der Untergruppen-Analyse, und er ist unbequem. Bei einer Umsetzung ab 75 % liegt das Risikoverhältnis bei 0,36. Darunter bei 0,92 — also praktisch bei null Effekt. Jede zusätzlichen 10 % Umsetzung multiplizieren das Risiko mit 0,83.
Übersetzt: Ein Programm, das du zweimal im Monat machst, wirkt nicht ein bisschen. Es wirkt gar nicht. Das ist die einzige Zahl aus diesem Artikel, die du dir merken musst.
Breiter gefasst zeigt eine Meta-Analyse über 16 randomisierte Studien in Kontaktsportarten, dass Präventionsprogramme mit Krafttraining die Verletzungsrate auf 0,70 senken — mit deutlichen Unterschieden je Körperregion (Chen et al., 2025).
Ehrlich dazu: Wie viel davon auf eine bestimmte Übung entfällt, lässt sich aus diesen Daten nicht sagen, und die Evidenzsicherheit ist als niedrig eingestuft. Die viel zitierte Zahl „51 % weniger“ stammt aus einer Meta-Analyse, deren Methodik in einer Neuberechnung nicht standhielt — dort überschritt das Konfidenzintervall die 1 (Impellizzeri et al., 2021). Das widerlegt die Übung nicht, es macht die Zahl nur unbrauchbar.
| Region | Risikoverhältnis | Lesart |
|---|---|---|
| Hintere Oberschenkelmuskulatur | 0,37 (0,25–0,55) | stärkster Effekt der Auswertung |
| Leiste | 0,69 (0,51–0,93) | signifikant |
| Sprunggelenk | 0,68 (0,52–0,89) | signifikant |
| Knie | 0,71 (0,51–0,98) | signifikant, Intervall knapp |
| Alle Verletzungen | 0,70 (0,60–0,82) | Gesamteffekt über 16 randomisierte Studien |
Stimmen die Regeln, nach denen alle ihre Belastung steuern?
Nein. Die bekannteste davon — steigere deine Belastung um höchstens 10 % pro Woche — ist seit 2021 von niemandem mehr geprüft worden, und die älteren Prüfungen fanden keinen Schutzeffekt. Belastbar ist heute nur die übergeordnete Aussage: Pauschale Prozent-Schwellen für Belastungssteigerung sind wissenschaftlich nicht abgesichert.
Ihr Nachfolger ist die Acute-Chronic-Workload-Ratio mit ihrem „Sweet Spot“ zwischen 0,8 und 1,3. Eine Reanalyse hat gezeigt, dass sich dieselben Effektschätzer ergeben, wenn man die akute Belastung durch zufällig erzeugte oder frei erfundene chronische Belastungen teilt — und dass die Kennzahl ein reines Nullmodell nicht schlägt. Die Autoren fordern, das Konzept zu verwerfen (Impellizzeri et al., 2021).
Für den Fußball speziell fasst ein Review über 12 Arbeiten an Profispielern zusammen: Der Zusammenhang zwischen dieser Kennzahl und dem Verletzungsrisiko bleibe unschlüssig, und belastbare Schwellenwerte festzulegen sei mit der aktuellen Datenlage nicht möglich (Michailidis, 2024).
Was daraus nicht folgt: dass Belastung egal ist. Es folgt, dass es keine Zahl gibt, die dir das Denken abnimmt. Messbar bleibt der Kalender: Ein Review über acht Studien im Profifußball findet in verdichteten Phasen — zwei Spiele mit vier oder weniger Tagen Erholung — eine erhöhte Verletzungsinzidenz im Spiel, bei allerdings im Schnitt kürzeren Ausfallzeiten (Page et al., 2023).
Warum erwischt es dieselbe Stelle wieder?
Weil die Rückkehr ins Spiel zu früh passiert. Von allen Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur im europäischen Spitzenfußball waren 18 % Rückfälle — und 69 % dieser Rückfälle traten innerhalb von zwei Monaten nach der Rückkehr auf (Ekstrand et al., 2023).
Das sind Profis mit Physiotherapeut, Rückkehrprotokoll und täglicher Betreuung. In einem Amateurkader entscheidet in der Regel das Gefühl am Donnerstag darüber, ob jemand am Sonntag spielt.
Die Konsequenz ist unbequem, aber schlicht: Die letzten zwei Wochen einer Rehabilitation sind die, die alle abkürzen — und sie sind die, in denen die Rückfälle entstehen.

Was heißt das für deine Woche?
Vier Schritte. Keiner davon braucht Geräte, die du nicht hast.
- 01
Präventionsblock fest einplanen — das ganze Jahr
WannIn jeder Einheit, nicht nur in der VorbereitungDosis8–10 Minuten, mindestens 3 von 4 Einheiten (= 75 %)Ab 75 % Umsetzung sinkt das Risiko auf 0,36. Darunter liegt es bei 0,92 — also bei null Effekt (Gu et al., 2026). Die Umsetzungsquote ist die eigentliche Stellschraube, nicht die Übungsauswahl.
- 02
Exzentrische Arbeit für die hintere Kette fix hineinnehmen
WannZweimal pro Woche, an den Tagen mit Abstand zum SpielDosis3 Sätze, 5–8 langsame Wiederholungen, Absenkphase betontGrößter belegter Einzeleffekt aller Körperregionen: Risikoverhältnis 0,37 gegenüber 0,70 für alle Verletzungen zusammen (Chen et al., 2025). Und es ist die Region mit den meisten Ausfalltagen.
- 03
Bei zwei Spielen in vier Tagen das Zusatzprogramm streichen
WannIn jeder verdichteten WocheDosisKraft- und Sprintreize raus, Präventionsblock und Schlaf bleibenIn verdichteten Phasen steigt die Verletzungsinzidenz im Spiel (Page et al., 2023). Was du dann noch steuern kannst, ist alles, was zusätzlich dazukommt.
- 04
Nach einer Verletzung die letzten zwei Wochen der Reha nicht abkürzen
WannGenau dann, wenn es sich wieder gut anfühltDosisErst zurück, wenn Sprint und Kraftwerte seitengleich sind — nicht nach Gefühl18 % aller Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur sind Rückfälle, und 69 % davon passieren in den ersten zwei Monaten nach der Rückkehr (Ekstrand et al., 2023).
Häufige Fragen
Wie hoch ist das Verletzungsrisiko im Fußball?
Im europäischen Spitzenfußball wurden für die Saison 2022/23 21,1 Verletzungen pro 1.000 Spielstunden und 3,5 pro 1.000 Trainingsstunden gemessen — bei 29 Teams und 913 Spielern über 176.790 Expositionsstunden (Bengtsson et al., 2025).
Welche Verletzung trifft Fußballer am häufigsten?
Die hintere Oberschenkelmuskulatur. Ihr Anteil an allen Verletzungen ist über 21 Saisons von 12 % auf 24 % gestiegen, der Median-Ausfall liegt bei 13 Tagen, und im Spiel passieren sie zehnmal häufiger als im Training (Ekstrand et al., 2023).
Wie viel bringt ein Präventionsprogramm wirklich?
Über 15 randomisierte Studien mit 7.465 Fußballern senkt es das Risiko auf ein Risikoverhältnis von 0,51. Entscheidend ist die Umsetzung: ab 75 % liegt es bei 0,36, darunter bei 0,92 — also ohne messbaren Effekt (Gu et al., 2026).
Stimmt die 10-Prozent-Regel bei der Belastungssteigerung?
Sie ist nicht belegt. Seit 2021 hat sie niemand geprüft, für Fußball wurde sie nie getestet, und die übergeordnete Datenlage sagt: Pauschale Prozent-Schwellen zur Belastungssteigerung sind wissenschaftlich nicht abgesichert (Impellizzeri et al. 2021; Michailidis 2024).
Taugt die Acute-Chronic-Workload-Ratio zur Steuerung?
Nein. Eine Reanalyse zeigte, dass zufällig erzeugte oder frei erfundene chronische Belastungen dieselben Effektschätzer liefern und die Kennzahl kein reines Nullmodell schlägt; die Autoren fordern, das Konzept zu verwerfen (Impellizzeri et al., 2021).
Wie gefährlich sind zwei Spiele in einer Woche?
Ein systematischer Review über acht Studien im Profifußball findet in verdichteten Phasen — zwei Spiele mit vier oder weniger Tagen Erholung — eine erhöhte Verletzungsinzidenz im Spiel; die Ausfallzeiten sind dort allerdings typischerweise kürzer (Page et al., 2023).
Warum kommt dieselbe Verletzung immer wieder?
18 % aller Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur im Spitzenfußball waren Rückfälle, und 69 % davon traten innerhalb von zwei Monaten nach der Rückkehr auf (Ekstrand et al., 2023). Der kritische Punkt ist das Ende der Rehabilitation, nicht der Anfang.
Kostet Verletzungspech wirklich Punkte?
Statistisch ja: In der 1. Bundesliga entsprechen 4,33 zusätzlich verletzte Spieler einem Tabellenplatz, in der 2. Liga 2,64 (Dallmeyer et al., 2025). Das ist eine Beobachtung über 252 Team-Saisons und kein Ursachennachweis.
Quellen
- Bengtsson H, et al. No major changes in injury incidence in European club football during the 2022/23 FIFA World Cup season: a subanalysis of the UEFA Elite Club Injury Study. BMJ Open Sport & Exercise Medicine. 2025;11(3):e002772. https://doi.org/10.1136/bmjsem-2025-002772
- Ekstrand J, Bengtsson H, Waldén M, Davison M, Khan KM, Hägglund M. Hamstring injury rates have increased during recent seasons and now constitute 24% of all injuries in men's professional football: the UEFA Elite Club Injury Study from 2001/02 to 2021/22. British Journal of Sports Medicine. 2023;57(5):292–298. https://doi.org/10.1136/bjsports-2021-105407
- Ekstrand J, Spreco A, Bengtsson H, Bahr R. Injury rates decreased in men's professional football: an 18-year prospective cohort study of almost 12 000 injuries sustained during 1.8 million hours of play. British Journal of Sports Medicine. 2021;55(19):1084–1092. https://doi.org/10.1136/bjsports-2020-103159
- Dallmeyer S, Steinfeldt H, Hübers T, Pietzonka M, Breuer C. Monetising misfortune: the financial consequences of injuries in professional football teams. BMJ Open Sport & Exercise Medicine. 2025;11(2):e002437. https://doi.org/10.1136/bmjsem-2024-002437
- Gu J, Li Y, Wang Y, Zhang Y. Intervention components, training dose, and adherence in exercise-based prevention of hamstring strain injury in football: a systematic review and meta-analysis. Annals of Medicine. 2026;58(1):2652116. https://doi.org/10.1080/07853890.2026.2652116
- Chen Z, Wang J, Zhao K, He G. Adherence to Strength Training and Lower Rates of Sports Injury in Contact Sports: A Systematic Review and Meta-analysis. Orthopaedic Journal of Sports Medicine. 2025;13(5):23259671251331134. https://doi.org/10.1177/23259671251331134
- Impellizzeri FM, Woodcock S, Coutts AJ, Fanchini M, McCall A, Vigotsky AD. What Role Do Chronic Workloads Play in the Acute to Chronic Workload Ratio? Time to Dismiss ACWR and Its Underlying Theory. Sports Medicine. 2021;51(3):581–592. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01378-6
- Michailidis Y. A Systematic Review on Utilizing the Acute to Chronic Workload Ratio for Injury Prevention among Professional Soccer Players. Applied Sciences. 2024;14(11):4449. https://doi.org/10.3390/app14114449
- Page RM, Field A, Langley B, Harper LD, Julian R. The Effects of Fixture Congestion on Injury in Professional Male Soccer: A Systematic Review. Sports Medicine. 2023;53:667–685. https://doi.org/10.1007/s40279-022-01799-5
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